Bilder aus Osteuropa

Lemberg in der Ukraine sowie die polnischen Städte Breslau, Krakau und Lodz sind Stationen auf Fahrten in den Ostens Europas.

Lodz

Theo, wir fahr’n nach Lodz! Raus aus dem drögen Landleben („im Stall die Kuh macht muh“) und rein in die große Stadt, wo sie alles auf den Kopf hauen werden – dazu jedenfalls fordert die Frau in Vicky Leandros‘ Schlager aus dem Jahr 1974 ihren Geliebten auf. Auf den ersten Blick ist Lodz nicht das erste Ziel für eine Vergnügungsreise. Im 19. Jahrhundert verwandeln polnische, deutsche und jüdische Unternehmer das 800-Seelen-Dorf in die weltweit größte Textilmetropole mit über 600.000 Einwohnern. Handwerker, Finanzkapitalisten und Arbeiter machen sich aus ganz Europa auf den Weg in die südpolnische Stadt, um dort ihr Glück zu suchen.

Lodz entsteht dabei nicht wie die meisten europäischen Städte in Kreisen um eine Mitte (Kirche, Wirtshaus, Rathaus) herum, sondern wird schachbrettartig auf dem Reißbrett entworfen. Die knapp 5 km lange schnurgerade Piotrkowska Straße bildet das ungewöhnliche Zentrum der Stadt. Die ehemaligen Fabrikgebäude an ihren Seiten und Enden beherbergen heute Hotels, Einkaufszentren und Museen. Der industrielle und etwas graue Charakter ist der Stadt verblieben, aber auf der Piotrkowska und den abzweigenden Seitenstraßen ist am Wochenende der Teufel los.

Im zweiten Weltkrieg wird Lodz von den deutschen Besatzern in Litzmannstadt umbenannt. Von hier aus werden 200.00 Juden in die umliegenden Konzentrationslager gebracht und ermordet. Der ehemalige abgetrennte jüdische Stadtteil ist heute ein Wohngebiet. Nur der Verladebahnhof Radegast ist erhalten geblieben und wurde zur Gedenkstätte umgebaut. Im sozialistischen Nachkriegspolen entwickelt sich in Lodz eine veritable Filmindustrie. Ihr Mittelpunkt ist die Staatliche Filmakademie (Filmhochschule), aus der namhafte Regisseure wie Andrzej Wajda und Roman Polanski hervorgehen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wegfall der ehemaligen sozialistischen Absatzmärkte für Textilien sucht Lodz nach einer neuen Identität zwischen Tourismus, Partyhochburg und Einkaufszentrum.

Krakau (Krakow)

Im Krakauer Stadtteil Kazimierz wurden ein paar Jahrhunderte lang rund 70.000 verfolgte Juden toleriert, die sich aus ganz Europa eingefunden hatten. Die Nazis haben das ausradiert, danach lag der Stadtteil ein paar Jahrzehnte als verödetes Arme-Leute-Viertel da, bis 1993 Steven Spielberg kam und “Schindlers Liste” drehte. Der deutsche Unternehmer und Juden-Retter Oskar Schindler hat tatsächlich hier gelebt und gewirkt. Danach wurde das Viertel immer populärer und ist heute eine merkwürdige Mischung aus jüdischer Kultur (Synagogen überall, koschere Restaurants, jüdische Buchläden) und Schwabing-Flair mit zahllosen Restaurants und Kneipen, netten Krimskrams-Läden, Musikkneipen und hippen und weniger hippen Menschen.

Krakau ist ein Touristen Hotspot, der in nicht-pandemischen Zeiten jährlich 13 Millionen Besucher anzieht. In dem im Osten gelegenen Stadtteil Nowa Huta sieht es normaler und alltäglicher aus als im polierten Zentrum. Ein sozialistischer Prachtbau wie das ehemalige Verwaltungsgebäude des riesigen Stahlwerks von Nowa Huta hat heute musealen Charakter, für die vielen Kirchen im Stadtteil trifft das nicht zu. Der Bau der berühmtesten unter ihnen, der „Kirche der Mutter Gottes, der Königin von Polen“, genannt Arka Pana (Arche des Herrn), wurde in einer von 1969 bis 1977 andauernden, teils gewalttätigen Auseinandersetzung unter Beteiligung der ganzen Stadtgesellschaft und angeführt vom damaligen Krakauer Kardinal Karol Wojtyla der kommunistischen Stadtregierung abgetrotzt. Später, in den 80er Jahren, wird Papst Johannes Paul II. / Karol Wojtyla in enger Abstimmung mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan seine Autorität beim Aufbau der antikommunistischen Gewerkschaft Solidarnosc zielstrebig einbringen. Heute ist in Nowa Huta eine zentrale Straße nach Ronald Reagan benannt. Und Solidarnosc ist zu praktisch 100 Prozent in Hand der PiS.

Lemberg (Lviv)

Das Zentrum der westukrainischen Metropole Lemberg ist für Touristenströme gewappnet, es gibt ein Lokal neben dem anderen, aber man findet (noch) keine Spuren westlichen Handelskapitals, kein Starbucks, kein Lidl, kein Saturn … Dafür Kioske, viele Tante Emma Läden, ein paar Supermärkte, die man kaum wahrnimmt, weil sie ohne große Werbung auskommen. Die prachtvoll restaurierte Altstadt mit ihrer Mischung aus Habsburger-Architektur, polnischen Prachtbauten und der armenischen Kathedrale ist in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden.

Der Tourismus ist die Haupteinnahmequelle für die Stadt. Die meisten Besucher kommen aus dem Osten des Landes, für sie ist Lemberg mit seiner Nähe zur EU ein Tor zum Westen. Die zweitgrößte Gruppe sind Polen, für sie ist der Westen der Ukraine kulturelles Hoheitsgebiet. Danach kommt angeblich die Gruppe der Sextouristen aus der Türkei – wobei ich bei meinen Streifzügen durch die Stadt nur einen einzigen Sexclub und eigentlich kaum Türken sehe, vielleicht wirken sie im Verborgenen. Die viertgrößte Gruppe sind deutschsprachige Bildungstouristen. Einer sagt: Wenn einmal die Südkoreaner Lviv entdeckt haben, ist es vorbei.

Viele Lemberger Männer und Frauen verdienen ihren Lebensunterhalt im westlichen Ausland auf dem Bau, im Krankenhaus oder als Putzkraft. In der Ukraine arbeiten viele Menschen schwarz, eine automatische Umverteilung von Lohnbestandteilen in die Staatskasse ist nur notdürftig eingeführt. Bei einem Mindestlohn von 150 Euro ist auch nichts zum Verteilen übrig. Lohnzahlungen erfolgen deshalb häufig in Form eines Couvert-Lohns. Der Empfänger erhält den gesetzlichen Mindestlohn und dazu ein Couvert mit Dollars. Nur die IT Firmen, die wie Pilze aus dem Boden schießen, bezahlen ihre Angestellten offenbar besser und führen Lohnsteuer und Sozialversicherungsanteile ab.

Brody

Brody ist eine unscheinbare, freundlich wirkende Kleinstadt 90 km nordöstlich von Lemberg. Hier, in seinem Geburtsort, besucht Joseph Roth von 1905 bis 1913 das Kronprinz-Rudolf-Gymnasium. Wie sah damals der Alltag in Brody mit seinen Schtetl aus, in denen jüdische Kaufleute, Schneider, Schuster und Fuhrleute ihren Geschäften nachgingen? Im „Radetzkymarsch“ beschreibt Roth im Rückblick Brody als trostlose Garnisonsstadt am äußersten Ende der Donaumonarchie, in der der junge Carl Joseph von Trotta sein halt- und sinnloses Leben im Schnaps ersäuft.

Der Dichter und andere bekannte ehemalige Schüler des Gymnasiums werden in einem winzigen Museumsraum geehrt. Neben einer Spendenbox mit englischer, deutscher und ukrainischer Aufschrift finden sich neben den obligatorischen Fahnen ein mit bunten Blumen bemalter Soldatenhelm (ein Symbol für Love & Peace?) und eine Marienstatue. Die Zeichnungen, Stundenpläne und Fotos – übriggebliebene Zeugnisse des vergangenen Schuljahres – an den Wänden der Schulkorridore wirken lebendiger als die leicht verstaubten Artefakte im Museumsraum.

Breslau (Wroclaw)

Breslau ist ähnlich herausgeputzt wie Krakau, Mittelpunkt ist auch hier ein prächtiger Marktplatz, der Ring (Rynek) genannt wird und auf dem sich die Besuchermassen tummeln. Seit einigen Jahren gewinnt die an der Oder gelegene Metropole auch wirtschaftlich immer mehr an Bedeutung. Google und Amazon haben sich hier niedergelassen, Volvo lässt Busse und Lastkraftwagen bauen, die Elektrokonzerne ABB und Northern Telecom betreiben Niederlassungen.

Odertor (Nadordze)

Im Breslauer Stadtteil Odertor gibt es – ungewöhnlich für Polen – Spuren genossenschaftlichen Wohnens. Viele Gebäude werden hauptsächlich mit EU-Mitteln renoviert, die Wohnungen werden anschließend verkauft und hauptsächlich weitervermietet. Nicht alle Immobilien werden aber dem Finanzkapital übergeben, so entsteht die für den Stadtteil typische Mischung aus ordentlichen Häusern und eher verbraucht wirkenden Gebäuden. Ein Künstlerprojekt hat sich hier angesiedelt, die Bewohner stellen Keramikprodukte her und malen Reproduktionen berühmter Gemälde und ihre eigenen Portraits an die Häuserwände. Einer der bekannteren Hinterhofkünstler kommt zufällig auf uns zu, flamboyant gekleidet, er wirkt wie ein Breslauer Salvador Dali. Stolz und demütig zugleich lässt er sich fotografieren und fotografiert seinerseits neugierig die deutsche Besuchergruppe mit seinem Smartphone.

Werkbundsiedlung

Die Werkbundsiedlung Breslau wird 1929, im Rahmen der Werkbund-ausstellung Wohnen und Werkraum, als Versuchssiedlung errichtet. Die Ausstellung wird ergänzt durch weitere Präsentationen rund um die nahe gelegene Jahrhunderthalle und den Scheitniger Park. Das Hauptaugenmerk beim Bau der Siedlung liegt auf einer einfachen, aber gleichzeitig ansprechenden architektonischen Formgebung. In ihrer Mischung aus Funktionalität, preiswerter Produktionsweise und ansprechendem Aussehen erinnert die Siedlung an den Bauhaus-Stil ebenso wie an die genossenschaftlich orientierten Wohnprojekte des Architekten Ernst May in Frankfurt.