Liverpool

Welcome Home Paul

Wir erreichen Liverpool an einem heißen Sonntagnachmittag im Juli. Hafenfest rund um das Albert Dock, aus der alten Hafenanlage ist eine Museums- und Amüsiermeile geworden. Großes Geschiebe überall, die Stimmung ist friedlich. Ein paar historische Propellerflugzeuge zeichnen Nebelspiralen in die Luft, Hot Dog Stände bieten Snacks an, Kinder und ihre Eltern stehen vor einem Flugzeugrumpf der British Army Schlange, um einmal ins Cockpit schauen zu dürfen. In einem Hafenbecken spielen Kanuten Wasserpolo, im nächsten düst ein Superman auf einer Plattform über das Wasser und spritzt aus einem Schlauch die kostümierten Teilnehmer eines sehr merkwürdigen Spiels nass. Der Mersey, in meiner Vorstellung seit Ferry ‘cross the Mersey ein Industrie-grauer melancholischer Fluss, entpuppt sich als breit glitzernde Wasserstraße, auf der sich weiße Segelschiffe tummeln. Eine Hochhausfassade ist bedeckt mit einer gigantischen Konzertankündigung: WELCOME HOME PAUL, Paul mit seinem Höfner-Bass, für immer 25 und niemals 64. Irgendwo hört man eine Blaskapelle und man denkt: 50 Jahre früher, ein anderes Hafenfest, eine andere Blaskapelle, so ist Being for the Benefit of Mr Kite entstanden.

Wet beneath the blue suburban skies

Peinlich peinlich, im Magical Mystery Tour Bus mit einer Sackladung Touristen aus aller Herren Länder auf den Spuren von vier Pop Musikern, aber nein, es ist ein Heidenspaß und reizend und interessant. Wir fahren raus aus der Innenstadt, ihrem überraschenden Nebeneinander aus Shopping Malls und globalisierten Konsumtempeln, bunten Pubs und stolzen Handelskontoren, Lagerhallen und verslumten Seitenstraßen, raus in die Vorstädte, nette Straßen und Gärten gleiten vorbei, ein schöner weiter Park, in dem Kinder Ball spielen, raus in das sehr englisch aussehende everyday Liverpool. Unser bestens gelaunter Tour Guide stellt sich vor als Bruder von Holly Johnson, Chef der Gruppe Frankie Goes to Hollywood, Relax, das waren die 80er. Aber er reitet nicht darauf herum, denn es geht nur um ein einziges Produkt: The Beatles. Wir sehen das Haus von Aunt Mimi und Uncle George, in dem John Lennon 18 Jahre, bis er 23 war, verbracht hat (gediegener und bürgerlicher als erwartet), wir fahren durch eine kleine Siedlung mit verkommenen kleinen Häusern, die nicht saniert werden können, weil Ringo Starr in einem dieser Löcher geboren wurde und eine Lobbygruppe verlangt, daraus ein Denkmal zu machen (das Haus von Tante Mimi hat diese Karriere gemacht, nachdem Yoko Ono es 2002 gekauft und dem National Trust vermacht hatte).

Nothing to get hung about

Man sieht das Haus von Brian Epstein (posh, wie erwartet), fährt die zauberhafte Penny Lane entlang (is in my eyes and in my ears), die absolut nichts Zauberhaftes hat, am Straßenrand winkt fröhlich eine Frau im grünen Regenmantel (aus welchem Beatles Song stammt die?), Mädchen in Schuluniform stürmen lärmend in die Mittagspause, und als wir uns dem roten Tor zu Strawberry Fields nähern, erzählt der Bruder von Holly Johnson die Geschichte des Teenagers John, der gern auf die Gartenmauer hinter Tante Mimis Haus geklettert ist, um zu prüfen, ob es im Garten des benachbarten Mädchenheims Strawberry Fields Mädchen zu sehen gibt. Worauf Aunt Mimi warnte: They are going to hang you if you are looking after the girls, John! Die Antwort kam ein paar Jahre später: Strawberry Fields, nothing is real, and nothing to get hung about.

Der Bruder von Holly Johnson nutzt kurze Aufenthalte für eine Zigarettenpause, überall werden Selfies geschossen, die Laune ist aufgeräumt, alles ist schließlich Geschichte hier, auch die eigene, man sieht Spuren schöner Erinnerungen auf manchen Gesichtern, andere finden einfach alles riesig, fotografieren alles, und warten auf das Abschluss-Bier im Cavern Club. Im Bus laufen die Songs von Paul, John, George und Ringo, und unser Tour Guide ist ein diskreter Mann, der Niemandes Gefühle verletzten will. Kurz bevor John Lennon in Working Class Hero singt: ‚Till you’re so fucking crazy you can’t follow their rules, wird die Musik ausgeblendet und der Bruder von Holly Johnson weist souverän auf eine Sehenswürdigkeit am Straßenrand hin: das Pub z.B., dessen Fassade auf einem von Ringos Soloalben abgebildet ist.