Erika-Fuchs-Haus

Hinaus in Feld und Flur! .. durch Moor, Modder und Morast!

Schwarzenbach, hübsch gruppiert sich der Ort um mehrere Saale-Brücken herum, auffallend viele Geschäfte mit Ramsch aller Art im Fenster, aber auch schmucke Bürgerhäuser, ein sanierungsbedürftiger Bahnhof, dahinter ein riesiger Edeka („für alle Generationen“), ein permanenter Hefe-Geruch liegt in der Luft – Giegold-Hefe „für jeden, der was zu backen hat“ –, schön schlängelt sich die Saale auf den Ort zu und aus ihm wieder hinaus. Am nördlichen Rand des Fichtelgebirges haben die Ortschaften nichts Schmuckes, keine Blumenorgien auf kunstvoll geschnitzten Balkonen mit überteuerten Ferienwohnungen dahinter, keine Fachwerk-Romantik, aber es gibt hübsche bunte Fassaden, dieses kitschlos Ehrliche verleiht ihnen einen nüchternen Reiz. Hier hat die Übersetzerin der Carl Barks Geschichten unglaubliche 51 Jahre ihres Lebens verbracht, ist schon bald nach Kriegsende am Rand der „Zonengrenze“ (dem Ende der Welt) regelmäßig in den Zug nach Stuttgart zum Ehapa-Verlag gestiegen und wurde nach und nach zur Berühmtheit. Karfreitag, kalt und regnerisch, das Erika Fuchs Haus, weithin sichtbar an der heute trist wirkenden Straße zum Bahnhof gelegen, hat geschlossen. Wir drücken uns die Nasen an der Scheibe platt und sehen in eine Art Cafeteria hinein, an der Wand die berühmte Enten-Familie, sie wird von Scheinwerfern angestrahlt. Samstag ab 10.00 geöffnet, freu!

Ein Leben im Zeitraffer

Erika Fuchs, geboren am 07.12.1906 als Theodolinde Erika Petri, aufgewachsen als Kind wohlhabender Eltern in Belgard / Persante, einem bis 1945 preußischen Landkreis in Pommern. Nach dem Abitur als einziges Mädchen im einem Knabengymnasium Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und mittelalterlichen Geschichte in Lausanne, München und London, 1931 Doktortitel mit einer Arbeit über den Barock-Bildhauer Johann Michael Feichtmayr.

Nach der Hochzeit mit ihrem Studienkollegen Günter Fuchs 1933 Umzug nach Schwarzenbach an der Saale. 1934 und 1938 Geburt der Söhne Thomas und Nikolaus. Günter Fuchs leitet die Firma Summa-Feuerungen, die moderne Heizanlagen für Kachelöfen herstellt. 1941 wird er zur Wehrmacht eingezogen und ist bald darauf technischer Direktor einer Testanlage zur Produktion der V2 Rakete. Günter Fuchs ist nie Parteimitglied, aber sein KnowHow macht ihn zu einem Rädchen in der Kriegsvorbereitungsmaschinerie des Dritten Reichs. Nach Kriegsende Angebot der westlichen Siegermacht, am Aufbau des amerikanischen Weltraumprogramms mitzuwirken. Erika Fuchs‘ Ehemann lehnt nach einem kurzen Aufenthalt in den USA ab und widmet sich lieber dem Wiederaufbau seiner Fabrik in Schwarzenbach und seiner Tätigkeit als Honorarprofessor an der TU München. Dem Ingeniör ist nichts zu schwör.

Nur keine Sentimentalitäten!

Studium und Doktortitel von Erika Fuchs erweisen sich in der oberfränkischen Kleinstadt als wertlos. Sie beginnt zum Vergnügen englische Literatur zu übersetzen. Im Verlag Reader’s Digest bietet ihr der Leiter des neugegründeten Ehapa Verlags an, bunte Heftchen mit Sprechblasen über menschlich wirkenden Mäusen und Enten zu übersetzen. Zuerst lehnt sie entsetzt ab, aber ihr pragmatisch gesinnter Mann überredet sie, einen Versuch zu machen. 1951 erscheint das erste deutschsprachige Micky-Maus-Magazin, Chefredakteurin Dr. Erika Fuchs.

Frau Chefredakteur verlegt Entenhausen nach Deutschland und arbeitet liebevoll an ihrer Version der Enten- und Mäuse-Welt. Sie nutzt erfinderisch den Inflektiv (die Verkürzung eines Verbs auf seinen Stamm), bis er ihr zu Ehren irgendwann Erikativ genannt wird. Dabei ahmt sie nicht nur Geräusche nach: schluck! stöhn! knarr!, sondern auch psychische Zustände: grübel! zitter!

Sie streut Lautmalereien ein, die die Pop-Art vorwegnehmen. Donald schläft so: Sass! Zack! Schnorch! Schnarch! Gazong! Was einer seiner Neffen kommentiert: Reines Hochdeutsch ist das nicht.

Sie gibt den Disney Figuren deutsche Namen, mit deren Bekanntheitsgrad es höchstens das Romanpersonal Karl Mays aufnehmen kann: Duckburg ˃ Entenhausen, Scrooge ˃ Dagobert, Huey, Dewey and Louie ˃ Tick, Trick und Track, Gladstone Gender ˃ Gustav Gans, Black Pete ˃ Kater Karlo, The Beagle Boys ˃ Die Panzerknacker, Gyro Gearloose ˃ Daniel Düsentrieb, Chip’n’Dale ˃ Ahörnchen und Behörnchen.

Sie streut klassische Zitate ein, die sie auch mal großzügig entstellt: Wohltätig ist der Feuers Macht, wenn es der Mensch zur Lust entfacht – frei nach Schiller / Die Glocke: Wohltätig ist des Feuers Macht, Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht.

Sie verewigt Namen und Ortsnamen aus Schwarzenbach und der oberfränkischen Umgebung: Oberkotzau, Ochsenkopf, Krötenbruck … – zu schöne Namen, um erfunden worden zu sein.

Bis Mitte der 70er Jahre übersetzt Erika Fuchs das ganze Micky Maus-Heft, danach nur noch Enten-Geschichten. Nach ihrem Eintritt in den Ruhestand 1988 widmet sie sich ausschließlich den Geschichten des Disney Chefzeichners und geistigen Vaters der Duck-Sippe Carl Barks. 1994 treffen  sich die beiden (ein einziges Mal) in München und haben sich offenbar wenig zu sagen. Sobald Comics als Kunstform ernstgenommen werden, kommt auch die Anerkennung, u.a. 2001 ein Sonderpreis des Heimito von Doderer-Literaturpreises. Nach dem Tod ihres Manns zieht Erika Fuchs 1984 nach München, wo sie 2005 mit 98 stirbt.

Mir kreist der Hut! Mein Gehirn käst! Meins ist völlig verdunstet!

Erika Fuchs Haus, erster Raum: Eine achtminütige Filmdokumentation über die Geschichte des Comics, von den Höhlenmalereien zu den zeitgenössischen Comic Stars aus Belgien und Frankreich, eine Einstimmung. Von da tritt man ein in die quietschbunte Welt von Entenhausen, man steht in Donalds Wohnzimmer, blickt in Daniel Düsentriebs Erfinderwerkstatt, erkundet auf einem interaktiven Stadtplan die Schwarzenbacher Wurzeln von Entenhausener Ortsnamen und kann ein echtes Bad in Onkel Dagoberts Geldspeicher nehmen – nur den eleganten Kopfsprung des Originals schafft niemand. Hier lerne ich (ein Kenner!) einen mir neuen Namen kennen: Dübel Düsentrieb, laut Carl Barks Daniels Vater, ein einfacher Techniker, der hauptsächlich Haushaltgeräte repariert.

Raum drei präsentiert die Lebensgeschichte von Erika Fuchs als Wand-Comic des Zeichners Simon Schwartz. Die eigensinnige Tochter im Knabengymnasium, die Studienjahre in den Studentenkneipen von London und München, die Ehejahre in Schwarzenbach, die Kriegsjahre (keine Zeichnungen, nur Text und düstere Farben), die Fahrten in den Verlag nach Stuttgart, der Ruhm. Was auffällt: Die ebenso aufgeweckte wie eigensinnige Dame hat bis ins höchste Alter praktisch ständig eine Zigarette in der Hand.

Danach ist alles interaktiv: Ein Computerprogramm mit Mikrofon erzeugt an der Wand Lautmalereien, die meisten trauen sich nur verhalten zu schreien oder zu stöhnen, nur zwei Kinder brüllen freudig drauflos. An einer Magnetwand haften die gezeichneten Gesichtspartien einer Ente, zwei Besucherinnen stellen sie zu ganzen Gesichtern mit verschiedenen Stimmungen zusammen, so gibt der Cartoonist seinen Figuren Freude, Wut, Enttäuschung mit. Eine Tafel mit Dreh-Schildern deckt die klassischen Zitate hinter den Satzschöpfungen von Erika Fuchs auf. Den Raum durchweht eine Mischung aus musealem Ernst, Leichtigkeit und hintergründigem Humor, die ihrem Gegenstand sehr angemessen ist.

Und ganz reizend: Ein Fernseh-Interview mit der über 80jährigen Erika Fuchs aus ihrer Münchner Wohnung, blitzgescheit blickt sie hinter ihrer riesigen Brille hervor, setzt sorgsam gewählt und sicher ihre Worte. Diese Frau lässt sich kein X für ein U vormachen und strahlt dabei eine preußisch-bürgerliche Verschmitztheit aus, die einen sehr für sie einnimmt. Wir stehen 20 Minuten lang vor dem Bildschirm und sehen uns mit Kopfhörern das ganze Gespräch an.

Die Ware zischt. Das ist ungewöhnlich.

Der Journalist Oliver Fehn veröffentlicht auf seiner Facebook Seite Ausschnitte eines Interviews, das er 1984 im Fuchs-Haus in Schwarzenbach mit Erika führte. Hieraus ein erhellender Dialog zu einer großen Frage:

„Wissen Sie, wohinter ich nie gekommen bin? Was Gyro Gearloose, den Sie Daniel Düsentrieb getauft haben, eigentlich für ein seltsamer Vogel ist.“
„Das wissen Sie nicht?“
„Nein. Irgendein Raubvogel?“
„Nein, doch kein Raubvogel. Daniel Düsentrieb ist ein Huhn.“
„Ein Huhn?“
„Ja, aber ein anderes als Henny Huhn, die Freundin von Daisy und Minni. Das ist eine Henne, eine Glucke. Daniel Düsentrieb ist … ja, ein Hahn ist er auch nicht, eher so ein geschlechtsloses Huhn.“
„Ein Kapaun?“
„So weit würde ich nicht gehen. Sagen wir, er verkörpert einfach die Spezies Huhn.“

Die Übersetzerin gibt hier auch einen Einblick in das wahre Wesen ihres Superstars: „Donald ist ein heimlicher Schöngeist. Er ist ein Choleriker und fürchterlich reizbar, aber auch ein Schöngeist.“

Schöne Beispiele dafür, in welche philosophischen Tiefen man geraten kann, wenn man eintaucht in die Welt Entenhausens. Die Verkörperung der Spezies Huhn erhält in diesem edlen Sinn das letzte Wort: Das beste Werkzeug ist ein Tand, in eines tumben Toren Hand.

Klickeradoms!

 

Quellen und Inspiration:

Erika-Fuchs-Haus / Museum für Comic und Sprachkunst: www.erika-fuchs.de

Ernst Horst: Nur keine Sentimentalitäten! Wie Dr. Erika Fuchs Entenhausen nach Deutschland verlegte, München 2010 (Blessing)

https://de-de.facebook.com/notes/oliver-m-fehn/was-f%C3%BCr-ein-tier-ist-daniel-d%C3%BCsentrieb-mein-gespr%C3%A4ch-mit-dr-erika-fuchs-aus-dem-/820739451271076/