Reise nach Lemberg

Die Hochburg der Gelehrsamkeit hat im 20. Jahrhundert Terror und Leid erfahren. Heute erstrahlt die westukrainische Metropole in frischem Glanz.

Denkmäler und Kirchen

Lviv / Lemberg ist eine freundliche Stadt, quirlig, gefühlte Millionen junger Menschen sind auf den Straßen unterwegs, die Stadt mit ihren 750.000 Einwohnern beherbergt mehrere Universitäten. Die Architektur: ein Mix aus sozialistischen Einheitsbauten, neuen westlich wirkenden Gebäuden, Habsburger Straßenzügen und Fassaden. Auffallend die vielen Statuen, fast alles heroisch blickende Männer, die sich im Lauf der letzten beiden Jahrhunderte für die Unabhängigkeit der Ukraine stark gemacht haben. Viele Häuser, private wie öffentliche, sind halb renoviert. Das sei üblich so, erfahren wir. Das Geld ist halt oft aus, und wenn neues da ist, baut man einfach ein Stück weiter.

Besucher in Lemberg

Unangenehm ist der Benzingestank in den mit Autos verstopften Straßen, Kat ist offenbar keine Pflicht, aber die vielen Parks und Grünflächen entschädigen für den Gestank. Mein Lieblingsort ist der Ivo Franko Park gleich neben unserem Hotel. Dort flanieren Paare auf den gepflegten Wegen und Studentengruppen von der am Park gelegenen Universität sitzen schwatzend zwischen den Vorlesungen auf Bänken herum.

Fast täglich schlendere ich ein- oder zweimal über den Prospekt Svobody – ein breiter Prachtboulevard am Rand der Altstadt, an dessen Ende das stattliche Opernhaus steht. Männer sitzen auf Bänken und spielen Schach. Überall tummeln sich Menschen, Musik-Gruppen spielen, das Selfie-Aufkommen am Brunnen vor der Oper dürfte das größte in der Westukraine sein. Meine Lieblingsband sind drei junge Männer, im Aussehen und Gebaren wirken sie wie junge Folksänger im New York der 60er Jahre, ihr Stil erinnert an amerikanische Indie-Bands der 90er, bisschen punkig, Gitarre Stehbass Snare-Drum, ihre Songs sind getragen von elegischen slawischen Melodien, die ungemein in mir aufgehen.

Oligarchen everywhere

Auf der Fahrt nach Brody, dem Geburtsort von Joseph Roth, machen wir Halt an einer leeren Autobahnraststätte. In der Kantine sitzt ein grobschlächtig aussehender Mann mit seinen muskelbepackten Begleitern und schaufelt Essen in sich hinein. Wir erfahren, dass das ein bekannter kleiner Oligarch aus Lemberg ist. Es gibt große – auch im Westen bekannte – Oligarchen und kleine Oligarchen. Ganz große Oligarchen besitzen einen westlichen Fußballclub, kleine einen lokalen Fußallclub oder einen Basketballclub, Sportclub muss jedenfalls sein.

Der Lemberger Oligarch besitzt nur einen Basketballclub, aber auch er ist reich und hat Macht, wie wir erfahren. Zwei Tage später besuchen wir in einem Vorort ein soziales Projekt, das Second-Hand Gegenstände in ganz Lemberg sammelt und billig an Bedürftige weitergibt. Das Gelände, auf dem das Projekt seinen Sitz hat, gehört dem kleinen Oligarchen. Er hat vor Kurzem der Initiative gekündigt, weil er an diesem Ort ein Hotel bauen will. Unterstützung durch die Kommune gibt es keine, die Initiative wird hauptsächlich von einer amerikanischen Stiftung finanziert.

Straßenbahn

Gern benutze ich eine der vielen Straßenbahnen, die ebenso wie die vielen Busse mit ihren putzigen Vorhängen hinter den Fenstern unaufhörlich die Stadt durchkreuzen. Die Straßenbahnen werden grundsätzlich von nicht ganz jungen Frauen gefahren (niemand konnte sagen warum), von denen einige – durchaus ungewöhnlich für Lviv – das brummige Aussehen von sozialistischen Matronen haben. Einmal döse ich vor mich hin und blicke dann auf ein Hinweisschild: „Vorsicht! Die Tür schließt automatisch.“ Ja okay. – Häh?  An irgendeiner Stelle finde ich einen Hinweis auf den Produktionsort des Tramwagens: Bautzen / DDR.

Das Ticket für 5 Hryvnja – ca. 17 Cent – kauft man durch ein kleines Fenster beim Fahrer. Ich verstehe zuerst nicht, wie man es entwertet, aber gleich kommt jemand und hilft mir. Die Menschen erlebe ich als freundlich, aber nicht aufdringlich. Einmal werde ich Zeuge einer Szene, von der ich gelesen hatte, die ich aber für Folklore hielt. Eine volle Straßenbahn. Plötzlich wird ein 5-Hryvnja -Schein von hinten nach vorn gereicht, Arme gehen nach oben, greifen den Schein und geben ihn nach vorn weiter. Alles passiert nebenbei, nahezu automatisch und sehr schnell. Nur Sekunden später erreicht auf demselben Weg der Fahrschein seinen Käufer im hinteren Teil des Wagens.

Reise nach Lemberg – das Buch

Über meine Reise nach Lemberg im Juli 2019 ist ein Buch mit Fotos und Texten entstanden.